Institutsgeschichte

Fraunhofer-Institut für Holzforschung

Dr.-Ing. Wilhelm Klauditz und die Gründung des »Instituts für Holzforschung«

Als Dr. Wilhelm Klauditz am 30. Juni 1963 auf einer Dienstreise nach München mit dem Auto tödlich verunglückte, war das der stärkste Einschnitt in die Geschichte des Instituts für Holzforschung seit dem Ende des Krieges. Wilhelm Klauditz war der Motor des Instituts und der Kristallisationspunkt der Aktivitäten des Vereins für Technische Holzfragen e.V. gewesen. Er hatte während der ungünstigsten Zustände direkt nach dem Krieg den Impuls für die Neugründung des Instituts für Holzforschung gegeben, und er hatte die wesentlichen Forschungsarbeiten und Kooperationen selbst initiiert und geleitet. Ein Jahr nach seinem Tode nahm das Institut zu seinen Ehren den Namen »Wilhelm-Klauditz-Institut für Holzforschung« an und machte damit auf die besondere Prägung aufmerksam, die Dr. Klauditz hinterlassen hatte.
 
1903, im Geburtsjahr von Wilhelm Klauditz, war die Holzforschung noch eine junge und wenig anerkannte Disziplin. Auf dem Forstwissenschaftlichen Gebiet gab es schon etablierte Forschungseinrichtungen: seit 1816 die Forstwissenschaftliche Akademie in Tharandt bei Dresden, seit 1830 eine Forstakademie in Eberswalde und seit 1868 eine weitere in Hannoversch Münden. Die stoffbezogene Holzforschung war aber als eigenständiger Bereich unbeachtet und bis nach dem ersten Weltkrieg kaum institutionell verankert.

Wilhem Klauditz studierte nach seinem Abitur Chemie und promovierte 1928 mit fünfundzwanzig Jahren zum Dr.-Ing.. Danach ging er für ein Jahr als wissenschaftlicher Assistent mit einem Stipendium der Justus-Liebig-Stiftung an die Universität Halle. Im Jahr 1929 trat er in das Zentrallaboratotium der Koholyt GmbH in Köln ein und stieg bei deren späteren Übernahme durch die Feldmühle AG zum stellvertretenden Leiter der Forschungsabteilung in Odermünde bei Stettin auf. 1939 schied er aus dem Konzern aus und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Reichsanstalt für Holzforschung in Eberswalde bei Berlin.

Daß im Jahre 1930 das preußische Holzforschungsinstitut in Eberswalde, die spätere Reichsanstalt für Holzforschung, gegründet wurde, ist vor allem dem Engagement von Professor Dr. C. G. Schwalbe zu verdanken. Das Institut widmete sich der Aufgabe, durch Forschungs- und Entwicklungsarbeiten die Holzausnutzung der deutschen Forstwirtschaft zu verbessern. Professor Schwalbe schied 1934 als Leiter aus dem Institut aus. Danach wurde das Institut aufgeteilt in ein mechanisch-technologisches Institut und in ein chemisch-technologisches Institut, aus welchem nach dem Ende des zweiten Weltkriegs das Institut für Holzforschung hervorgehen sollte. Diese beiden unabhängigen Institute firmierten ab 1939 zusammen unter dem Namen »Reichsanstalt für Holzforschung«.

Dr. Wilhelm Klauditz etablierte sich schnell in der Reichsanstalt. 1944 wurde er Leiter des chemisch-technologischen Instituts als Nachfolger des verstorbenen Institutsleiters Prof. G. A. Kienitz. Der Leiter des mechanisch-technologischen Instituts war der renommierte Holzforscher Franz Kollmann. Die Arbeiten der Reichsanstalt beschäftigten sich in dieser Zeit mit der Entwicklung effektiverer Methoden der Holznutzung, um die kritische Situation der Forste in den Bedingungen der Kriegswirtschaft zu entschärfen.

Die Kapitulation des Deutschen Reiches bedeutete auch das Ende für das Reichsinstitut. Der Standort Eberswalde bei Berlin lag mitten in den Frontlinien der Roten Armee, so daß das Institut notdürftig evakuiert werden mußte, im Februar nach Tirol und bereits im Mai nach Hohenschwangau und Hohenpeißberg in Bayern. Dabei gingen die gesamte technische Ausstattung, die Bibliothek und viele Forschungsarbeiten des Reichsinstituts verloren. Unter den denkbar schlechtesten Bedingungen wurde zunächst noch zwei Monate weiter gearbeitet, bis im Juli 1945 aus Geldmangel die Arbeit beendet werden mußte.

Wilhelm Klauditz versuchte zunächst den Kern der Belegschaft für die Neugründung eines Holzforschungsinstituts zu sichern, indem er der Technischen Universitüt München eine Eingliederung in die Forstliche Abteilung der Hochschule vorschlug. Für die TU standen aber andere Dinge im Vordergrund, so daß Klauditz nach einer teilweise privat finanzierten Lösung suchen mußte.

Dr. Klauditz nahm also Kontakt nach Braunschweig zu seinem früheren akademischen Lehrer Prof. Dr. Gustav Gassner auf, der nach dem Krieg Rektor der Technischen Hochschule war. Gassner zeigte sich sehr daran interessiert, das Institut nach Braunschweig zu bekommen, aber die Situation der Hochschule - völlig zerstörte Gebäude und eine desolate finanzielle Situation - ließen die Eingliederung des Institutes nicht zu. Also faßte Klauditz die Möglichkeit ins Auge, das Institut teilweise mit Spenden der Industrie zu finanzieren. Er fand Unterstützung bei den Homogenholzwerken GmbH, die im Dezember 1945 anboten, einen Teil der Kosten für die Weiterführung des chemisch-technischen Instituts zu übernehmen. Das war der Impuls, der notwenig war, um weitere Geldgeber zu motivieren. Im Frühjahr des Jahres 1946 kam, wahrscheinlich angeregt durch den Braunschweiger Professor für Flugzeugbau und Leichtbau, Dr.-Ing. Hermann Winter, die Idee auf, die Finanzierung des Instituts durch einen »Verein für technische Holzfragen« tragen zu lassen. Die Unterstützung durch die Stadt, die Forstverwaltung und auch durch Industie- und Handelskammer, Universität und die Unternehmen MIAG und Homogenholzwerke, ermutigte Dr. Klauditz, am 7. Juli 1946 zur Gründungssitzung des Vereins einzuladen.

Mit dem Namen »Versuchs- und Beratungsstelle für technische Holznutzung des Vereins für technische Holzfragen e.V.« bezog das Institut im Juli 1946 seine angemieteten Räume am Steinriedendamm. Das »Gebäude« war eine Baracke von 260 qm, teilweise kriegszerstört und teilweise noch im Rohbau. Der Platz aber war ausreichend, und nach drei Monaten der Instandsetzung konnten die ersten Forschungsarbeiten aufgenommen werden. Klauditz fuhr im August 1946 nach Bayern, um die Ausstattungsreste, die aus dem Reichsinstitut dorthin gerettet worden waren, in Empfang zu nehmen. Der Transfer war nicht einfach, weil Bayern nicht zur britischen sondern zur amerikanischen Besatzungszone gehörte.

Im Jahre 1949, als das Institut sich den Namen »Institut für Holzforschung« gab, hatte Dr. Klauditz sein erstes Ziel erreicht: Die Mitgliederzahl des Vereins für Technische Holzfragen hatte sich stetig erhöht und lag jetzt bei 102 Mitgliedern. Der finanzielle Hintergrund war jetzt so gut wie gesichert. Die Forschungsarbeiten hatten in den ersten Jahren bei rein rohstoffwirtschaftlichen Fragen gelegen, jetzt aber verschob sich der Schwerpunkt immer mehr auf die Entwicklung von Herstellungsverfahren für künstliche Holzwerkstoffe.

Im Jahr 1952 wurde das Institut in Anerkennung der besonderen wissenschaftlichen Leistungen an die Technische Universität Braunschweig angegeliedert, die Trägerschaft blieb davon allerdings unberührt. Die Anerkennung der Spanplatte als dem wichtigsten Werkstoff für Möbel ist den Forschungsarbeiten von Dr. Klauditz in dieser Zeit zu verdanken.

Die Grundsteinlegung für das neue Institutsgebäude, eine Herzensangelegenheit von Dr. Klauditz, erlebte er selbst noch mit, auch die Fertigstellung des Gebäudes im Jahr 1961, nicht aber die Eingliederung des Instituts in die Fraunhofer Gesellschaft im Jahr 1970. Die Lücke, die sein unerwarteter Unfalltod im Jahr 1963 hinterließ, war derart groß, daß es erst fünf Jahre nach seinem Tod möglich war, einen geeigneten Nachfolger für die Leitung des Instituts zu finden.